Bea Steindor, Marketingleitung KÖLBL KRUSE GmbH I Foto: Kölbl Kruse

Interview: „Ein Gebäude als Kraftwerk, Rohstoffdepot und Tourismusmagnet“

Miriam Beul
Miriam Beul

Chefredaktion Autobahn-Immomag, Gründerin + Inhaberin der Textschwester Immobilienkommunikation GbR

Intro

Der Neubau für die RAG-Stiftung und RAG AG in Essen ist aktuell noch der einzige in Deutschland fertiggestellte Neubau mit umfangreichen Cradle-to-Cradle Maßnahmen. Nach zwei Jahren im Betrieb profitieren die Nutzer von geringen Energiekosten und dem exzellenten Innenraumklima, verrät Bea Steindor vom Projektentwickler KÖLBL KRUSE, der die Immobilie realisiert hat.

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Wie ist die Idee entstanden, auf Zollverein eine Cradle-to-Cradle-Immobilie zu errichten?

Bereits hinter der Entscheidung der RAG-Stiftung und RAG AG, zu ihren Wurzeln nach Essen zurückzukehren und ihren Verwaltungssitz auf das UNESCO-Welterbe Zollverein zu verlegen, stand ein nachhaltiger Grundgedanke: Die ehemals intensiv durch die Kokerei genutzte Fläche sollte mit einem Neubau sozusagen recycelt werden. Jeder Quadratmeter Welterbe ist wertvoll – unter dieser Maxime entwickelte das Aachener Büro kadawittfeldarchitektur den Ansatz des Nutzers dann im Gebäudeentwurf weiter. Schnell wurde allen Beteiligten klar, dass bei diesem Projekt noch weitere nachhaltige Aspekte umgesetzt werden konnten; so wurde der Grundgedanke um die C2C-Ansätze ergänzt, das Gebäude quasi als Kraftwerk, mit gesundem und flexiblem Arbeitsumfeld, als Rohstoffdepot und mit positivem Effekt für Mensch und Umwelt zu errichten. Die Ideen der Kreislaufwirtschaft entsprechen dem Verständnis und Verantwortungsbewusstsein der RAG-Stiftung und RAG. Und auch wir bei KÖLBL KRUSE sind stolz darauf, Teil dieses innovativen Projekts zu sein.

Das Gebäude ist eine Art Prototyp für Sie als Entwickler gewesen. Was waren die besonderen Schwierigkeiten?

Das Projekt ist der erste und aktuell noch einzige in Deutschland fertiggestellte Neubau mit umfangreichen Cradle-to-Cradle Maßnahmen. Die größte Hürde war die relativ kurze Planungsphase von 9 Monaten für die Entwicklung des Projekts. Hinzu kam, dass weder unser Planungsteam noch die weiteren am Projekt beteiligten Partner große Erfahrung mit der tatsächlichen Realisierung des C2C-Konzepts hatten. Mit viel Professionalität, systematischer Herangehensweise und nicht zuletzt auch durch die Leidenschaft aller Beteiligten konnte dieses ambitionierte Projekt fertiggestellt werden.
Wir als Projektentwickler sind der Meinung, dass jedes Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Und das ist unsere Geschichte: Wir wollten der Welt zeigen, dass es möglich ist, eines der nachhaltigsten Gebäude Deutschlands in Essen auf einem ehemaligen Industrieareal – das mittlerweile UNESCO-Welterbe ist – zu errichten. Und wir sind sehr stolz darauf, dass uns dies gemeinsam mit unserem Team gelungen ist.

Der Neubau orientiert sich an innovativen Nachhaltigkeitsstandards nach der „Cradle to Cradle“-Denkschule I Foto: Nikolai Benner

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Gehen Sie davon aus, dass sich daraus ein neuer Baustandard entwickelt?

Vor dem Hintergrund des Klimawandels und knapper werdender Ressourcen ist das nachhaltige Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden ein Thema, mit dem sich alle Akteure auf dem Markt immer mehr auseinandersetzen müssen. Das von Prof. Michael Braungart und William McDonough entwickelte Designkonzept Cradle-to-Cradle, dass die Existenz des Menschen nicht pauschal als schlecht für die Umwelt ansieht, sondern darauf abzielt, wie der Mensch nützlich sein kann, ist ein ganz wunderbarer Ansatz. Es sieht vor, dass es keinen Lebenszyklus von Produkten oder Gebäuden gibt. Rohstoffe werden einer Nutzung nur für eine bestimmte Zeit zugeteilt und kehren nach ihrer Nutzungsphase zurück in den Kreislauf; die Qualitäten bleiben so erhalten und Gebäude werden zur Materialbank. Unsere Aufgabe als Projektentwickler ist es nun, einen Weg zu finden, das Konzept wirtschaftlich umzusetzen. Da es mehr und mehr Hersteller und Zulieferer gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen und C2C-Produkte entwickeln und es nicht zuletzt auch ein politisches Thema ist, sind wir auf einem guten Weg, damit sich hieraus ein neuer Baustandard entwickelt.

Zitat mit Autobahn-Logo

"Mit viel Professionalität, systematischer Herangehensweise und nicht zuletzt auch durch die Leidenschaft aller Beteiligten konnte dieses ambitionierte Projekt fertiggestellt werden."
- Bea Steindor, Marketingleitung KÖLBL KRUSE

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Gibt es schon Feedback der Nutzer?

Die beiden Nutzer sind vor gut zwei Jahren in die Immobilie eingezogen. Ein messbarer Effekt, den der Umzug mit sich gebracht hat, sind zum Beispiel die gesunkenen Energiekosten im Neubau. Das Besondere hierbei ist, dass die benötigte Energie zu einem Großteil regenerativ erzeugt wird. Durch den Einsatz von nachhaltigen Produkten und hochwertigen Materialien konnte die Innenraumqualität aufgewertet werden. Eine hausinterne Umfrage hat ergeben, dass dieser Effekt von den Mitarbeitenden sehr positiv wahrgenommen wird. Insgesamt trägt die hohe Aufenthaltsqualität des Hauses, besonders die des Dachgartens, sehr zur Zufriedenheit der Mitarbeiter bei. Und auch in der Öffentlichkeit hat das Haus ein positives Image: Das Interesse am Nachhaltigkeitskonzept ist so groß, dass die RAG-Stiftung die vielen Besichtigungsanfragen von verschiedensten Interessensgruppen gar nicht alle bedienen kann.

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