Die Kaskade, in den 70er Jahren begonnen, war 2003 immer noch eine große Baustelle I Foto: Andrea Polaschegg

Jerewan erlebt Bauboom im Disneystyle

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In Jerewan wurde und wird noch immer viel gebaut. Und dies gerne in großen, größeren und größten Dimensionen. Seit der Unabhängigkeit der Republik von der Sowjetunion 1991 haben vor allem die Auslandsarmenier viel Geld in gewaltige Bauprojekte in der Stadt investiert. Und vieles davon wird nie fertig. Das ist gewissermaßen armenische Immobilienlogik.

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Jerewan (nur in Deutschland – als Erbe der alten BRD – heißt die Stadt offiziell „Eriwan“), Hauptstadt der Republik Armenien in der Kaukasusregion, rund 1 Mio. Einwohner, eine der ältesten Städte der Welt, deutlich älter als Rom. Ihr Alter sieht man der Stadt nicht an. Die antiken Spuren sind längst verwittert, die mittelalterlich-orientalische Stadtstruktur wurde vom europaweiten Wunsch nach der „modernen Stadt“ im 19. Jahrhundert getilgt. Und die damals errichtete klassizistische Architektur des zaristischen Russlands wurde dann noch einmal von der sowjetischen Stadtplanung überschrieben, dies allerdings versehen mit aparten bauästhetischen und städteplanerischen Pointen:

Jerewan liegt rund 2.000 m über dem Meeresspiegel in vulkanischem Gebiet mit entsprechend hohem Aufkommen von Tuffstein in einer breiten Farbpalette von Anthrazit über Sandfarben bis hin zu einem satten Rosa. Mit diesem Tuffstein sind die meisten Gebäude der Stadt verkleidet – auch die Wohn- und Repräsentationsbauten aus der Sowjetzeit, die sich rund um den Republikplatz im Zentrum zu einem fulminanten Ensemble fügen. Daher wird Jerewan auch „The pink city“ genannt – und dies völlig zu Recht.

Foto: Andrea Polaschegg

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Überall der Blick auf den Berg
Das alles bestimmende Moment der Stadt und ihrer Straßenführung aber ist kein Gebäude, sondern ein Berg: Nur 20 km von der armenischen Hauptstadt entfernt, allerdings hinter der Staatsgrenze zur Türkei und damit für die Armenier unerreichbar, erhebt sich aus der Ebene völlig unvermittelt und dafür umso spektakulärer der 5.137 m hohe Ararat – jener Berg, auf dem nach biblischer Überlieferung die Arche Noah nach der Sintflut gelandet ist. Wer diesen einsamen Riesen je gesehen hat, versteht diese antike Mythenbildung sofort, die sich tief ins armenische Selbstverständnis eingeschrieben hat. Wie tief, das lässt sich an der bis heute dominierenden Straßenführung der 1920er Jahre ablesen: Von jeder der breiten Magistralen aus, die die Stadt durchziehen, eröffnet sich ein Blick auf den heiligen Berg mit seinem schneebedeckten Gipfel, der sich in unwirklicher Präsenz am Horizont zeigt – bei klarer Sicht fast überscharf und zum Greifen nah.

Im Gebirge Ararat soll nach der Sintflut die Arche Noah gestrandet sein I Foto: Makalu, pixabay

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Armenische Immobilienlogik: Bauen, solange das Geld sprudelt
Gebaut wurde und wird noch immer viel in Jerewan. Und dies gerne in großen, größeren und größten Dimensionen. Seit der Unabhängigkeit der Republik von der Sowjetunion 1991 haben vor allem die Auslandsarmenier – eine Folge der massenhaften Fluchtbewegung vor dem jungtürkischen Genozid während des Ersten Weltkriegs – Geld in gewaltige Bauprojekte in der Stadt investiert. Eines davon ist längst zum neuen Wahrzeichen der Stadt avanciert: Schon zur Sowjetzeiten in den 1980er Jahren begonnen, aber erst dank der Finanzierung durch einen armenischen Kunstmäzen aus den USA 2007 „vollendet“, erhebt sich am nördlichen Rand der Innenstadt, mitten auf einer szenigen Restaurantmeile, eine 50 m breite und 200 m lange, von brunnenbestückten Podesten unterbrochene Treppe in blendendem Weiß steil in die Höhe zu den oberen Stadtvierteln, in bezaubernd postsozialistischem Design und bestückt mit gewaltigen Werken zeitgenössischer Plastik nach dem Geschmack des Geldgebers. Sehr armenisch daran – und sehr charmant: Der repräsentativen Kaskade fehlen seit gut zehn Jahren die letzten Meter zur monumentalen Spitze aus Sowjetzeiten – dazwischen ragen verrostete Stahlträger in die Höhe, gebettet auf Gussbeton in abenteuerlicher Formationen. Bezeichnender noch: Die Straßen der Oberstadt, die von rechts und links auf die Kaskade stoßen, enden in wackeligen Treppenleitern, über die man den Repräsentationsbau erreichen und queren kann – wenn man sich traut. Doch genau das ist armenische Immobilienlogik in nuce: Es wird, privat wie öffentlich, gebaut, groß gebaut, größer gebaut, am größten gebaut, solange die Arbeiter bezahlt werden können (an denen aufgrund der Arbeitslosenzahlen im Land kein Mangel herrscht). Wenn das Geld aus welchen Quellen auch immer irgendwann nicht mehr fließt, gibt es einen Baustopp. Der dauert dann eben so lange, bis die Quelle wieder sprudelt. Das können Monate oder Jahre sein, manchmal sogar Jahrzehnte – je nach Bauherr.

Foto: Andrea Polaschegg

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Bauboom im Disney-Style
Aktuell brummt das Baugeschäft so richtig. Überall in der Stadt und vor allem im Umland werden Anwesen errichtet, mit teils gigantischen Ausmaßen und Disney-Schloss-artigen Gebäudezuschnitten. Einer der Gründe dieses neuen Baubooms dürfte der Regierungswechsel sein, der nach intensiven Bürgerprotesten im Winter 2018 stattgefunden und mit Nikol Paschinjan einen neuen Premierminister in die Macht gebracht hat, der mit seinem ungeheuer populären revolutionär-coolen Habitus einen völlig neuen Politik- und Repräsentationsstil im Land eingeführt hat und auch merklich gegen die verbreitete Korruption im Land vorgeht: Als gestandener Oligarch investiert man sein Kapital da doch lieber gleich in „Realien“, bevor es – in prekär flüssiger Form – in der Staatskasse landet und (man denke!) den Unterprivilegierten zugutekommt.

Jerewan als Stadt hat diese politische Wende nur zugearbeitet: Sie war immer schon im Wortsinne extrovertiert, das heißt: nach Feierabend und am Wochenende hat sich die Stadtbevölkerung immer schon auf den stadtplanerisch dominierenden Plätzen und in den nicht minder präsenten Parks der Stadt versammelt (Orte, die man vielen westeuropäischen Städten nur wünschen kann). Das tut sie immer noch, und das mit größter Selbstverständlichkeit und zugleich mit einem entspannten Vergnügen, dem man sich als Besucherin schwer entziehen kann. Aber seit einem Jahr steht dieser städtische Drive zur Vergemeinschaftung unter einem anderen politischen Stern. „Politics in Pink“. Da ist womöglich noch viel zu erwarten.

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