Viele Städte kämpfen mit einem Obdachlosigkeitsproblem, allen voran Seattle. | Foto: Sergee Bee

Mein Zuhause, die Parkbank – Stadtentwicklung und Obdachlosigkeit

Elena Bock
Elena Bock

Intro

Ein provisorisches Zeltcamp, ein einfaches Stück Pappe oder eben die nächste Parkbank – für manche Menschen nicht mehr und nicht weniger als ein Zuhause. Unvorstellbar für viele und doch harte Realität für die große Zahl an Obdachlosen ohne festen Wohnsitz, die auf den Straßen deutscher Großstädte leben. Häufig mit sozialen Missständen, Suchtproblemen und Kriminalität assoziiert, gelten Menschen ohne Wohnsitz als Dorn im Auge vieler Stadtentwickler – und als dementsprechend unerwünscht im öffentlichen Stadtbild. Neue, offensive Lösungsansätze zeigen nun, dass sich Städten neben Pollern, Metallstacheln und Co. auch Möglichkeiten bieten, sich dem Thema Obdachlosigkeit respektvoll zu nähern.

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Defensive Architektur oder: „Verweilen verboten!“

„Defensive Architektur“ (nicht ohne Grund häufig auch als „Feindliche Architektur“ bezeichnet) – das sind städtebauliche Maßnahmen, mit dem Ziel eine bestimmte Nutzung öffentlicher Flächen zu verhindern. Sie richten sich stets an unerwünschte Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel Obdachlose, und machen dabei klar deutlich wer verweilen darf – und wer eben nicht.

Pro-Argumente für die Maßnahmen haben häufig einen städtetouristischen Hintergrund, auch die Steigerung der Aufenthaltsqualität und eine allgemeine Verschönerung des Stadtbilds gelten für die Befürworter als valide Gründe. Anzutreffen sind die, von Kritikern auch als „Vertreibungspolitik“ verschrienen, Maßnahmen in vielen unterschiedlichen Formen: Vom massiven Poller über eigens installierte Metallstacheln ist alles dabei. Offensichtlicher kann man: „Du bist hier unerwünscht!“ architektonisch nicht formulieren. Was jedoch, wenn es für den Abgewiesenen sonst keinen Ort gibt, an den er ausweichen kann?

Ob Metallstacheln oder Armlehnen... | Foto: DocteurCosmos

... defensive Architektur kennt viele Formen! | Foto: Herzi Pinki

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Beispiele defensiver Architektur

Zu Recht stoßen die drastischen Maßnahmen der defensiven Architektur somit immer häufiger auf öffentliche Kritik. So sorgte zum Beispiel die Kersten-Miles-Brücke in Hamburg bereits 2012 für einen Aufschrei in der Bevölkerung: Zur Abwehr der unter der Brücke hausenden Obdachlosen wurden hier große Steine einbetoniert und ein Metallzaun errichtet – für eine sechsstellige Summe. Auch die „Camden-Bank“ in London erlangte zweifelhafte Berühmtheit. Es handelt sich hierbei um eine eigens entworfene Parkbank-Variante, die durch ihre spezielle Form das Liegen und Schlafen unmöglich macht. Das Sahnehäubchen? Der Entwurf wurde im Nachgang mit dem „best practice street cleansing“-Award ausgezeichnet! Zuletzt trafen bei der Diskussion rund um das Obdachlosencamp im Eckpavillon des NRW-Forums in Düsseldorf zwei Welten aufeinander: Elitäres Kulturpublikum vs. Obdachlosigkeit als bitteres Realitätszeugnis. Es kündigte sich eine Zwangsräumung an.

Die preisgekröhnte Camden Bench | Foto: The wub

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Öffentliche Stimmen verschaffen sich Gehör

Das Thema bewegt und empört: Vor allem in den sozialen Netzwerken solidarisieren sich eine Großzahl an Menschen mit den vertriebenen Obdachlosen – und stellen die Verantwortlichen der Städte an den Pranger. Auch künstlerisch wird sich mit dem polarisierenden auseinandergesetzt: Mit seiner Installation „Pay&Sit“ knüpft zum Beispiel der Berliner Künstler und Fotograf Fabian Brunsing aufmerksamkeitsstark an die defensive Architektur an. Gefordert werden von allen Seiten menschenwürdige und respektvolle Lösungsentwürfe sowie Investitionen an der richtigen Stelle.

Inzwischen ist die Diskussion rund um die defensive Architektur ein Beispiel dafür, wie gut sich die (digitale) öffentliche Stimme Gehör verschaffen kann: Bürgerinitiativen, gesammelte Unterschriften und allgemeine Solidarisierungsbewegungen führen heute immer häufiger zur Entwicklung respektvoller und menschendwürdiger Lösungsentwürfe.

PAY & SIT

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Aus defensiv wird progressiv

So gehörte der Metallzaun unter der Kersten-Miles-Brücke schnell der Vergangenheit an, die Stadt installierte sanitäre Anlagen und ein regelmäßig tagender Runder Tisch hielt den Austausch aufrecht. Auch am NRW-Forum in Düsseldorf wurde die geplante Räumung von der Stadtspitze verhindert.
Stattdessen wurde ein langfristiges Umsiedlungs-Projekt ins Leben gerufen: Viele der Obdachlosen konnten in diesem Zuge in Einfamilien-Häusern untergebracht werden – in einer Art „Obachlosen-WG“, als Starthilfe für einen Neuanfang.

Ein weiteres innovatives Gegenstück zu der verbreiteten defensiven Herangehensweise liefert Seattle, die Stadt mit der dritthöchsten Obdachlosenquote Amerikas und Heimat des ehemaligen Luxus-Architekten Rex Hohlbein. Vor vier Jahren wurde in Seattle aufgrund der fatalen Wohnsituation der gesellschaftliche Notstand ausgerufen, fast zur gleichen Zeit schloss Hohlbein sein Architektenbüro und gründete die Hilfsorganisation Facing Homelessness.

 

Ein Einblick in das BLOCK Project in Seattle | Foto: BLOCK Project

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Konfrontiert mit den wachsenden Obdachlosenzahlen und den gesellschaftlichen Missständen seiner Heimatstadt wurde Hohlbein aktiv und entwarf, gemeinsam mit seiner Tochter, das sogenannte „Block Home“. Es handelt sich hierbei um ein zwölf Quadratmeter großes Gartenhaus, das ausreichend Wohnraum für eine Person bietet. Die Idee: Mit Zustimmung der Anwohner werden die Häuschen in Gärten der zahlreichen Einfamilienhäuser Seattles aufgebaut und zum neuen Zuhause für Obdachlose. Ein Modell das Offenheit und Akzeptanz etabliert, und heute bereits an mehreren Stellen erfolgreich umgesetzt wird.

Es sind Ideen wie Rex Hohlbeins „Block Homes“, die zeigen, wie sich aus defensiver Architektur offensive Ansätze entwickeln können. Es sind neue, progressive Herangehensweisen, die es Stadtentwicklern und Architekten ermöglichen könnten, das Leben vieler Obdachloser nachhaltig zu verbessern.

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