Mediatorin Andrea Jost (c)Franziska Berentin

Nicht ohne meinen Mediator

Textblock #1

Wie oft landen Bauverzögerungen, Vertragsbrüche oder Mängel vor Gericht. Dabei könnten viele Konflikte rund ums Bauen ohne Richter schneller, kostengünstiger und nervenschonender gelöst werden. Auch protestierende Nachbarn würden sich manches Mal leiser oder sachlicher beschweren, hätte man sie im Vorfeld direkt in den Prozess mit eingebunden. Andrea Jost ist Immobilienökonomin und Wirtschafts-Mediatorin und verrät uns im Interview, was Mediation leisten kann.

Textblock #2

Mediation ist vielen ja nur aus dem juristischen Bereich bekannt. Wann brauchen Unternehmen einen Mediator/ eine Mediatorin?

Unternehmen brauchen immer dann Mediatoren/Mediatorinnen, wenn Beziehungsaspekte, wie Ablehnung von Verhandlungspartnern, Blockadehaltungen von Mitarbeitern, etc. eine sachliche Einigung verhindern. Mediation klärt die Beziehungsebene, erkennt Verletzungen an und arbeitet die Erwartungen und wirklichen Interessen der Parteien heraus. Eine so gestärkten Geschäfts-bzw. Arbeitsbeziehung, ermöglicht es den Parteien, vertrauensvoll an gemeinsamen Lösungen entsprechender Sachthemen zu erarbeiten.

Was genau ist der Unterschied zum Moderator / zur Moderatorin?

Moderation ist ein Steuerungs- und keine Vermittlungsinstrument, das heißt, dass die Parteien noch miteinander „reden“. Eine Moderation schafft einen guten Dialog, in dem sie Positionen aufzeigt und klärt. Sie dient der Unterstützung der Kommunikation und kreativen Lösungsfindung von Teams bzw. Gruppen. Bei dem Einsatz dieses Instruments steht die „reine“ Sachebene im Vordergrund. Das heißt, der Moderator kann darauf bauen, dass die Beziehungsebene stabil ist. Dies schließt natürlich nicht das Auftreten von situationsbezogenen „Stresskonflikten“ aus. Wir sind schließlich alle keine Roboter. Eine geschickte Moderation fängt solche Störungen leicht ein und auf.

Warum brauchen Immobilienunternehmen einen Mediator?

Die Akteure des Immobilienmarktes unterhalten zumeist langjährige Geschäftsbeziehungen. Hakt es im Projekt, meinen die Akteure, dass der Rechtsweg die einzige noch mögliche Lösungsvariante ist, dann ist es Zeit für einen Mediator. Warum? Weil die vertrauensvolle Zusammenarbeit und damit die zukünftige Geschäftsbeziehung gestört ist. Der wesentliche Vorteil von Mediation ist, dass sie zeitnah durchgeführt werden kann. Der Ressourceneinsatz ist damit überschaubar und effektiv. Das Kosten- Leistungs-Verhältnis ist effizient in Bezug auf die Objektgröße, um die es geht. Der Mediator unterstützt die Parteien aus ihrer aktuell festgefahrenen Situation herauszukommen, ihren Blick weg vom Problem und der Schuldfrage auf die Lösung zu fokussieren. Er hilft, alle den Parteien wichtigen Punkte in Bezug auf das konkrete Projekt und ihre Arbeits- Geschäftsbeziehung zu regeln.

In welcher Phase eines Projektes werden Sie hinzugebeten? Wann wäre der ideale Zeitpunkt?

Normalerweise werde ich hinzugebeten, wenn das „Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“. Bedeutet, dass die Parteien bereits vor Gericht stehen, die Fronten sehr verhärtet sind und die Kommunikation nur noch über Anwälte und eingeschaltete Sachverständige erfolgt. Es geht um die Durchsetzung von Ansprüchen, Schuldfragen und nicht mehr um Lösungen. Immobilienprojekt benötigen allerdings Lösungen. Nicht die Frage wer ist schuld an dem Baustopp, sondern nur die Beantwortung der Frage wie kann der Baustopp aufgehoben werden, was muss getan werden, garantiert die zeitnahe Fertigstellung des Projekts.

In Abhängigkeit von der Art des Immobilienprojekts gibt es unterschiedliche optimale Zeitpunkte. Generell sage ich: Je früher desto besser. Spätestens in dem Moment, in dem die Parteien merken, dass sie nicht mehr aus sich heraus eine Lösung finden, sollte ein Mediator/Mediatorin eingesetzt werden, um entstehende Reibungsverluste und damit einhergehende Projektverzögerungen oder-störungen so gering wie möglich zu halten.

Gegen neue Bauvorhaben regt sich gerade in den Ballungsräumen immer mehr Protest. Warum ist es sinnvoll, einen Mediator schon während des Erwerbs einzubeziehen?

In Hermann Hesse’ s Gedicht Stufen heißt es so richtig „und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…“. So ist es in der Regel auch mit Bauprojekten. Die Menschen sind neugierig, was entstehen wird. Die Betroffenen sehen in der Strukturierung von Prozessen wie projektbegleitender Mediation, die Möglichkeit, ihre Anliegen zu adressieren. Die Beteiligten fühlen sich in ihren Interessen wahrgenommen. Die frühe Einbindung von Bürgern, externen Beteiligten, betroffene Parteien und das Angebot von Gesprächs- und Konfliktlösungsstrukturen baut Vertrauen auf. Es besteht Sicherheit auftretende Akutfälle schnell, vertraulich und reibungslos zu regeln. Dies schont die Nerven aller, spart Zeit und Geld.

Sie sind Wirtschaftsmediatorin und Volkswirtin/Immobilienökonomin? Wieviel Fach-Knowhow braucht man?

Eine gute Frage, an der sich oftmals die Geister scheiden. Für mich persönlich ist es wichtig neben meiner Sozial- und Prozesskompetenz immobilienspezifische Fachkompetenz und langjährige Berufserfahrung zu haben. Die Kombination von „mediativen“ und „spezifischen“ Skills ist für mich der Garant für die Akzeptanz meiner Person durch die Parteien. Damit gelingt der nachhaltigen Aufbau eines konstruktiven Dialogs mit den Parteien, der die Voraussetzung für eine erfolgreiche Mediation darstellt.

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