Portrait Julia Hausmann I Foto: Christa Lachenmaier

Farbe ist Kommunikation

Miriam Beul
Miriam Beul

Chefredaktion Autobahn-Immomag, Gründerin + Inhaberin der Textschwester Immobilienkommunikation GbR

Machen grüne Räume fröhlich, rote aggressiv und ist hellgrau wirklich immer edel?  Was wirkt wie? Fragen, die nicht nur bei Paaren in Umzugssituationen regelmäßig für Ratlosigkeit und Stress sorgen. Auch Einzelhändler, Gastronomen, Hoteliers und Büronutzer möchten Farbe gezielt einsetzen und mehr über ihre Wirkung wissen. Die Kölner Architektin Julia Hausmann hat sich auf Farbarchitektur spezialisiert und hilft privaten, öffentlichen und kommerziellen Immobiliennutzern dabei, auch an den Wänden immer den richtigen Ton zu treffen.

Warum hast Du Deinen Fokus von der klassischen Architektur auf das Thema Farbe gelenkt?
Farbe ist ein wunderbares Thema, was mich persönlich ebenso wie die Architektur begeistert. Leider wird das raumgestalterische Potential, das die Farbe hat, oft nicht entsprechend genutzt. Das Thema braucht viel Fingerspitzengefühl und Fachwissen, das biete ich meinen Kunden.

Was beinhaltet Farbarchitektur?
Die Wahrnehmung von Architektur ist immer eine sinnliche Erfahrung. Farbarchitektur setzt sich vor allem mit Fragen zur Atmosphäre und Identität auseinander, die durch Farbwahl, Licht und Materialien geprägt werden. Ein wichtiges Thema bei der Farbgestaltung in der Architektur ist die Materialsichtigkeit. Entscheide ich mich der Außengestaltung beispielsweise für einen klassischen gelben Backstein an der Fassade oder passt ein goldfarbenes Metall viel besser zum Gebäude? Wie altert das Material? Einen farbgebenden Anstrich kann ich in kürzeren Intervallen ändern, aber bei der Materialwahl ist das etwas anderes.

Wie wirken welche Farben?
Farbe ist immer im Kontext zu sehen. Ihre Wirkung ist abhängig vom Raumgefüge, der Oberfläche und dem Licht, auch wenn den jeweiligen Farbtönen eine allgemeingültige Wirkung zugeschrieben werden kann. Das Thema Kunstlicht ist ein wichtiges Thema in der Planung, hier wirken Farben anders als im Tageslicht. Letztlich ist die Farbwahrnehmung aber auch abhängig von unserem Wissen und dem kulturellen Kontext.

Welche Farben empfiehlst Du für Wohn- und welche für Büroräume?
In Wohnbereichen schaue ich zunächst nach der Nutzung: beispielweise kann im Flur eine kräftige, lebendige Farbe einladend und dynamisch wirken, im Schlafzimmer ist eher eine ruhigere und umhüllende Farbe passend. Wichtig ist, das trotz unterschiedlicher Farbtöne anhand der Übergänge ein schlüssiges Raumkontinuum entsteht. Was Büroräume betrifft beobachte ich gerade eine spannende Entwicklung hin zur Farbigkeit – die Büroatmosphäre wird insgesamt wohnlicher.

Was kann man mit Farbe alles falsch machen?
Ohhh – viel, aber noch mehr kann man falsch machen, in dem man Angst vor Farbe hat und entsprechend einfach alles Weiß gestaltet. Ein kaltes Weiß verzeiht wenig, ermüdet unsere Augen und ist in der Regel nicht besonders atmosphärisch. Es gibt aber eine ganze Palette an angenehmen Weißtönen, die bei auch unbunten Konzepten zum Tragen kommen können. Darüber hinaus ist der Untergrund für die Farbwirkung ausschlaggebend: ein und derselbe Ton kann je nach Oberflächenbeschaffenheit und Glanzgrad völlig anders und somit deplatziert wirken.

Lässt sich die Wirkung von Farben auf den Menschen wissenschaftlich belegen?
Definitiv, es gibt beispielsweise eine aktuelle Studie vom Universitätsklinikum Wuppertal in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Farbenzentrum e.V. die belegt, welchen Einfluss die Farb- und Lichtgestaltung von Intensivstationen auf das Wohlbefinden von Patienten, die Motivation der Mitarbeiter sowie den Medikamentenverbrauch hat. Die positiven Ergebnisse sprechen für sich.

Ist Farbe reine Geschmackssache oder kann man guten Farbgeschmack lernen?
Unser kultureller Hintergrund prägt natürlich unseren Farbgeschmack. Engländer und Franzosen gehen beispielsweise viel souveräner mit Farbe in ihren Räumen um, als wir das tun. Dort gibt es eine lange Farbtradition und daher wundert es nicht, dass viele der hochwertigen Innenraumfarben von englischen Herstellern kommen. Bei der Fassadengestaltung ist es ähnlich – wenn ich in Skandinavien ein Rot einsetzte hat es eine ganz andere Konnotation als hier.

 Was ist das typische Problem, das Du für Deine Kunden lösen musst?
Da die Farbwahrnehmung ein komplexes Phänomen ist, ist die Kommunikation zum Thema kein ganz leichtes Feld. Grundsätzlich ist es hilfreich, herstellerunabhängige Farbbezeichnungssysteme als Kommunikationstools zu wählen. In einem solchen System hat jede Farbe einen numerischen Farbcode und kann durch den Grad ihrer Ähnlichkeit mit den Grundfarben Gelb, Rot, Blau, Grün, Weiß und Schwarz beschrieben werden. Das erleichtert den Kunden auch, die Farben in ihrer Zusammensetzung besser zu verstehen. Ein weiteres Problem ist natürlich die Geschmacksfrage, da gibt es manchmal erbitterten Streit, nicht nur unter Paaren sondern beispielsweise auch zwischen Bauherrenschaft und Architekten. Hier sind diplomatisches Gespür und sachliche Argumentation gefragt.

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