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Blockchain Buildings: Erstes Grundrauschen einer dezentralen Zukunft

Mit dem Begriff „Blockchain“ erfährt die Geschäftswelt momentan weltweit die Geburt eines neuen Sterns am digitalen Buzzword-Firmament. Die Technologie baumelt als Investorenköder an zahllosen Startup-Angeln - Junge Unternehmen wollen scheinbar alles Tokenisieren und Dezentralisieren was die Asset-Welt hergibt. Auch Immobilien stehen auf der Speisekarte von immer mehr investitionshungrigen Blockchain Entrepreneuren. Doch welches Problem löst die Technologie aus den Nullerjahren eigentlich und was bedeutet das für die Immobilienwelt? Im Workshop „Real Estate Block by Block - Welche Chancen bietet Blockchain in der Immobilienwirtschaft?” im Rahmen des Urban Leader Summit 2018 diskutierten Moderator Dr. Emilio Matthaei, Colinus; Jakob Drzazga, Brickblock; Dr. Carsten Loll, Linklaters LLP und Rui Soares, Leaseum Partners mit den Teilnehmern über dieses Thema.

Weltweite Kontrolle für Transaktionen

Im gut gefüllten Raum wird schnell klar, dass man selbst bei gestandenen Immobilienprofis beim Thema Blockchain ganz von vorne anfangen muss. Was steckt also hinter dieser ominösen Technologie, die Venture-Capital anzieht wie keine andere? Werte über den digitalen Weg sicher zu übermitteln war bisher nur über dritte möglich. Eine gültige Banknote oder ein Aktienzertifikat als PDF per E-Mail zu versenden funktioniert, spätestens seit der Erfindung von Copy & Paste, nicht mehr. Eine dritte Instanz ist nötig, um einen Übertrag von Person A zu Person B zu überwachen und zu verifizieren. Die Blockchain überträgt diese Kontrollinstanz auf tausende Rechner weltweit, die allesamt Zugriff auf die gesamte bisherige Übertragshistorie aller Beteiligten (die eigentliche Blockchain) haben. Versucht Person A nun einen Betrag zu überweisen, über den sie nicht verfügt, lassen die Kontrollrechner diese Transaktion nicht zu. Das System hinter der Blockchain ist also, grob gesagt, eine Auslagerung von Prozesskontrolle an die Allgemeinheit, die den Einsatz von zentralen Kontrollinstanzen überflüssig macht. Jakob Drzazga, der mit seinem Startup Brickblock vor kurzem einen ICO (steht für Inicial Coin Offering) durchgeführt hat, erklärt, dass die Blockchain-Technologie vor allem auf zwei Fundamenten stehe: Zum einen auf spieltheoretischen Aspekten und Networkeffekten, und zum anderen auf Mathematik. Für peer-to-peer Systeme, die bisher mit einer unzuverlässigen oder korrupten Kontrollinstanz vorliebnehmen mussten, ist die Blockchain Technologie eine enorme Chance zur Effizienzsteigerung. In Afrika laufen bereits erste Versuchsreihen mit unkorrumpierbaren Grundbüchern auf Blockchain Basis und auch im Vertragswesen sehen Experten Potenziale. Doch Dr. Carsten Loll fasst die Möglichkeiten noch weiter: „Alle Arten von Assets können in der Blockchain abgebildet werden.“ So weit, so überschaubar. Doch wo genau liegen die Schnittmengen zwischen Real Estate und Crypto?

Mit Immobilieninvestments unterfütterte Krypto-Tokens

Die klassischen Kryptowährungen, deren Wert sich in Vermutung allgemeiner Anwendbarkeit der verwendeten Technologie und damit in blanker Spekulation bemisst, haben ein großes Manko: sie sind extrem volatil. Diese Volatilität wird zunehmend zum Problem für die Technologie selbst, die deswegen in der Öffentlichkeit oft nur als Vehikel windigen Geek-Glücksspiels wahrgenommen wird. Zahlreiche Fintechs haben sich deshalb vorgenommen, Blockchain basierte Krypto-Tokens herauszugeben, deren Wert mit Immobilieninvestments unterfüttert ist. Wenn ein Käufer einen Token ersteht, fließt ein Großteil des Kaufpreises in Immobilienwerte. Das soll diese sogenannten „Asset-Backed-Tokens“ deutlich weniger spekulativ machen als Bitcoin & Co. Rui Soares sieht in Real Estate ein „Safe Haven“ und damit das perfekte Gegengewicht zu Cryptowerten. Immobilienprofis werden sich da vielleicht fragen wo denn überhaupt das Novum gegenüber einer regulären Immobilienbeteiligung, zum Beispiel einem Fondsanteil, liegt. Der wichtigste Unterschied ist nicht etwa die (zugegeben komplett neuartige) Funktionsweise der Tokens, sondern die anvisierte Kundschaft. Vor 5 Jahren war ein Bitcoin noch für weit weniger als EUR 100 zu haben - Der Preis hat sich seitdem zeitweise auf bis zu EUR 13.000 vervielfacht. Dieser Preissprung hat mit den oft noch jungen Bitcoin-Millionären eine neue Gattung Superreicher geschaffen, die ihr neu geschaffenes Vermögen dem hochvolatilen Crypto-Markt entziehen und sicher anlegen möchten. Sie sind die Zielgruppe der Asset-Backed Tokens.

Insgesamt bietet die Blockchain also einige Chancen und Vorteile, doch es gibt Herausforderungen, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen - Beispielsweise sorgen die erforderlichen enormen Rechenleistungen für einen riesigen CO2-Fußabdruck und selbst die sicherste Technologie ist nicht gefeit vor Social Hacking. Jakob Drzazga rät den Teilnehmern dazu, in Kryptowährungen und Blockchain keine Synonyme zu sehen: „Wir sollten Bitcoin und Ethereum als solches vergessen, aber die Blockchain als interessante Technologie verstehen.“ Ganz gleich wie man also zu Kryptowährungen steht, wenn sich die Hardware- und Rechnerkapazität erhöht und die Effizienz steigt wird die Blockchain höchstwahrscheinlich in allen peer-to-peer Systemen zunehmend wichtiger. Für Dr. Emilio Matthaei sind die Auswirkungen der Technologie enorm: „Von außen fühlt es sich momentan so bedeutend an wie die Erfindung des Internets selbst.“ Für die Immobilienprofis hatte Matthaei dann zum Schluss auch noch einen gezielten Appell parat: „Rechenzentren bauen lohnt sich!“

Jan Fröhlich - Manager Programs & Communication bei ULI (The Urban Land Institute) | Foto: ULI Germany

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