Eine Blaupause für die "Stadt der Zukunft" | Foto: KCAP Architects Planners

Ready for Boarding: Am Münchner Flughafen entsteht ein Innovations-Campus

Wiebke Mönning
Wiebke Mönning

Redakteurin

Textblock #1

Am Münchner Airport sollen bald mehr als nur Flugzeuge abheben: Mit dem „LabCampus“ soll ein unternehmens- und branchenübergreifendes Ideenzentrum entstehen, das sich als Blaupause für die Stadt der Zukunft versteht. Der neue Campus wird High-Tech-Industrien und Schlüsselbranchen aus den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Digitalisierung, Energie und Mobilität Raum für Innovationen bieten. Im Interview verrät Thomas Weyer, Geschäftsführer für Finanzen und Infrastruktur der Flughafen München GmbH, mehr über das neue „Non Aviation“-Projekt.

Mit dem neuen LabCampus möchte die FMG den Bereich Non Aviation ausbauen. Wie kam es zu der Entscheidung, in Immobilien- und Quartiersentwicklung abseits der Eigennutzung einzusteigen?

Einerseits haben wir zunächst den Auftrag, das Unternehmen so profitabel wie möglich zu gestalten. Daher sind wir auch Entwickler von Flächen ohne diese selbst zu beziehen. Andererseits wird die Ertragssituation der Flughäfen aufgrund des anderen Verhaltens der Airlines, aber auch aufgrund der Entwicklung im Bereich Non Aviation, in den nächsten Jahren eher angespannter. Grund ist die Digitalisierung, die zwar eine Chance ist, aber auch eine riesengroße Gefahr für uns darstellt. Deswegen müssen wir alternative Möglichkeiten erschließen, um die Wertverständlichkeit des Unternehmens zu sichern.

Was genau darf man sich unter dem LabCampus vorstellen?

LabCampus ist ein vollkommen neues Ökosystem, das am Ende etwa 500.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche beinhaltet. Es wird im Prinzip eine eigene kleine Stadt sein, die vollständig auf das Thema branchenübergreifende Innovation von Produkten und Services ausgerichtet ist. Wir werden nicht nur die Entwickler- und Investorenfunktion übernehmen, sondern auch die Betreiber und vor allen Dingen auch Kurator dieses Campus‘ sein. Der Campus ist in vier Quartiere aufgeteilt. Momentan haben wir jedoch nur das Baurecht für das erste Quartier, das 120.000 Quadratmeter umfasst.

Um eine spannende Mischung an Branchen und Unternehmen auf dem Campus zu gewährleisten wird es einen sogenannten „Campus-Manager“ geben. Wie wird diese Rolle aussehen?

Zu Beginn steht natürlich eine intensive Begleitung der Entwicklung des LabCampus‘. Sobald die Struktur steht, liegt alles, was zum Management gehört, in unserer Hand, insbesondere die Infrastruktur und Flächenverfügbarkeit. Das beinhaltet auch Änderungen vor Ort durch die Nutzer, um diese entsprechend der Nachfrage des Marktes anzupassen. Zusätzlich sprechen wir aktiv Unternehmen an, die Innovation betreiben, um diese mit anderen Unternehmen hier zusammenzubringen und so neue Produkte zu entwickeln. Das betrifft uns auch selbst, da wir an verschiedenen Innovationsthemen partizipieren.

Wonach werden passende und unpassende Mieter unterschieden?

Passend ist alles, was mit Innovation und Wissensmanagement zu tun hat. Wir möchten Forschungsinstitute, Start-Ups und sogar eine Universität am LabCampus etablieren. Vor allem bietet der Campus großen Unternehmen die Möglichkeit, Innovationen und neue Produkte gemeinsam zu entwickeln. Die zukünftigen Mitarbeiter am LabCampus sind Ingenieure und Entwickler, Innovationsmanager und dergleichen. Was wir hier nicht sehen wollen, sind Vertriebsabteilungen, Rechnungswesen und administrative Aufgaben. Es dreht sich hier nur um Innovation. 

FMG autobahn immomag

Textblock #2

Die Pläne sehen eine Entwicklung in vier Stufen vor, wobei im Quartier 1 zunächst Bürogebäude entstehen sollen. Werden die weiteren drei Quartiere ebenfalls für nur eine Nutzungsart geplant?

Im ersten Quartier entstehen gerade nicht nur Bürogebäude, sondern eine große Mischung von aktiven Innovationstätigkeiten und alles, was dafür benötigt wird. So unter anderem auch unterschiedliche Ausstellungs- und Testflächen, ein Boarding House, also temporäres Wohnen, und ein weiteres Hotel. Und natürlich Büroflächen jeglicher Couleur, von Co-Working Spaces bis hin zu Forschungseinrichtungen – was immer das Herz begehrt, um an diesem Ort Innovationen zu entwickeln.

Wie will die FMG auf die Bedürfnisse der kreativen Zielgruppe der Mieter eingehen?

Indem wir genau das bauen, was die Innovationstreiber haben wollen. Und zwar durchaus auch für sehr kurzfristige Nutzungszeiten. Wir haben uns darauf eingestellt, dass wir die Gebäude von Innen alle paar Jahre komplett neugestalten müssen, da sich die Anforderungen ändern werden. Anstelle eines statischen Systems implementieren wir ein sehr dynamisches, mit stark abwechselnden und sich ändernden räumlichen Verhältnissen. Das Nutzungskonzept ist absolut offen.

Der Flughafen ist am Boden schon heute ein dichter Verkehrsknotenpunkt, das wird sich doch durch die vielen neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter verschärfen. Wie gehen Sie damit um?

Der neue Ministerpräsident des Landes Bayerns hat bereits angekündigt, dass er bis zur Errichtung der dritten Startbahn das infrastrukturelle Netz rund um den Flughafen signifikant verbessern will. Das spielt uns natürlich hervorragend in die Karten, weil die Nutzer den Campus natürlich erreichen können müssen. Es gibt zwar eine S-Bahn-Anbindung, wir wissen aber alle, dass diese suboptimal ist. Schon seit längerem haben wir ein Konzept für ein besseres Express-S-Bahn-System in der Schublade, das die Anbindungszeit um 15 Minuten verkürzen würde. Nun müssen wir mit den Politikern reden, damit dieses letztendlich auch umgesetzt wird. Wir gehen davon aus, dass die Straßenanbindungen ebenfalls verbessert werden. Durch das größere Verkehrsaufkommen ist das notwendig. Im ersten Schritt wird jetzt der Erdinger Ringschluss gebaut, im zweiten Schritt dann die endgültige Durchbindung nach Erding und von da aus nach München. Das sind alles Maßnahmen, die in der Planung sind.

Zieht die FMG dabei auch Investitionen in alternative Mobilitätskonzepte am Boden in Betracht?

Absolut. Wir werden auf dem Campus ein Mobilitätskonzept entwickeln, in dem autonom fahrende Busse eine große Rolle spielen. Einer unserer Innovationspartner hier am Campus, Siemens, ist grade dabei, ein solches autonomes Bussystem für uns zu entwickeln und zu testen. Sobald die ersten Gebäude stehen, ist es hoffentlich einsatzbereit. Planmäßig soll der Campus per autonomen Bussen mit dem Terminal und der S-Bahn-Station verbunden werden, aber auch innerhalb des Campus‘ kommen die Busse zum Einsatz.  

Laut aktuellen Zahlen befinden sich täglich 150.000 Menschen am Flughafen München. Jedoch sind dies überwiegend Reisende. Wie wollen Sie Unternehmen wie potenzielle Arbeitnehmer von der außerstädtischen Lage überzeugen? 

Genau mit diesen 150.000 Reisenden! Das ist immerhin die Bevölkerung einer mittleren deutschen Großstadt und natürlich alles potenzielle Kunden und Partner. Diese Kunden und Partner haben wenig Interesse daran, nach ihrer Landung noch zwei Stunden mit dem Auto durch die Gegend zu fahren, um nur einen Kunden zu besuchen. Genau das ist eines der wesentlichen Argumente, hier auf den LabCampus zu kommen: Mit dem LabCampus entsteht eine Art permanente Messe, die es im Prinzip ermöglicht, alle Kunden auf einmal zu besuchen.  

Also eignet der Campus sich eher für Unternehmen, die viele überregionale und internationale Geschäftskontakte pflegen?

Sowohl als auch: Der LabCampus eignet sich gleichermaßen für mittelständische Unternehmen aus der Region, weil sie hier die Möglichkeit haben, Innovationsthemen (gemeinsam) zu entwickeln. Nicht zuletzt, weil Fläche im Zeitalter der Digitalisierung ein wichtiger Faktor ist.

| | | |

Mehr entdecken